Die DEUTSCHLAND - Traumschiff Surprise

Preisfrage: Fuhr der „Alte Fritz“ eigentlich jemals zur See? An Bord der Deutschland jedenfalls ist der Preußenkönig fast omnipräsent – als Namenspatron der Bierbar im Heck. Blasphemie? Unter Kreuzfahrern scheint diese Bar, in der fast rund um die Uhr Buletten und Bockwürstchen mit Senf gereicht werden, fast so bekannt zu sein wie unter Historikern der standhafte Preuße.

Dabei müssen Dauerhungrige auf diesem Schiff wahrlich nicht darben. Vom Frühstück an Deck über die Bouillon am Pool, das Mittagessen im Restaurant Berlin und die Tee- und Kaffeestunde in der Adlon Lounge bis hin zum täglichen Nobeldinner, wieder im Berlin oder wahlweise im Gourmettempel Vier Jahreszeiten, werden alle Gaumen verwöhnt. Doch wie man das ja auch vom guten alten „Frühschoppen“ deutscher Kreuzfahrttradition kennt, passt ’ne Wurst immer noch drauf. Im Alten Fritz zur Not auch noch um drei in der Früh.

Was übrigens auf dieser Reise im Frühling 2011 (fünf frühlingsblaue Tage zwischen Venedig und Rom, mit Stopps vor Kephalonia, Sizilien und der immer wieder umwerfenden Amalfiküste) tagtäglich zu beobachten ist: Das durch die Kürze der Fahrt, zudem noch durch einen arbeitsfreien 1. Mai angezogene Publikum erscheint jünger, als man es dem als TV-Traumschiff bekannten Klassiker nachsagt – und findet partout nicht ins Bett. Der Alte Fritz dankt’s: Selten war der Würstchenabsatz größer.

Kurzum: Dass ein Schiff von so konservativer Noblesse, wie die Deutschland es ist, ein Langweiler sei, wird hiermit bestritten. Stellvertretender Beweis: Sogar Ina aus Unna, die an Tag eins noch mit Grauen dem „Schwiegerelternprogramm“ entgegensah, resümiert an Tag fünf: „Dieser Kahn hat Swing.“ Spricht’s und macht sich lachend davon zum Tanz unter Sternen mit Vladimir, der zu den charmantesten Stand-up-Pianisten der Sieben Meere gehören dürfte – morgens um drei im Alten Fritz.

Eine Ausnahme? Die Crew kennt solche Partynächte allemal: Einmal im Jahr fallen „Fernsehleute“ über das Schiff her, die bekanntlich gern feiern. Immer im Spätwinter, diesmal war’s vor Papua-Neuguinea, wird eine Folge des ZDF-„Traumschiffs“ an Bord gedreht. „Um die sechzig Leute“, erzählt der sympathische Obersteward mit breitem Hamburger Akzent, „aber das geht gaaanz prima. Die Stimmung ist absolut entspannt. Manche Gäste kommen sogar extra zu dieser Reise, weil sie als Statisten dabei sein wollen.“

Der Mann ist, wie viel andere in der Crew, ein MS Deutschland-Urgestein. Mit seiner so unaufgedrängt verlässlichen wie ehrlichen Art gehört er zu den Leuten an Bord von Schiffen, die am Ende mehr im Gedächtnis bleiben als so mancher Hafen. Und die dafür mitverantwortlich sind, wenn eine resolute Passagierin mir unverblümt in den Block diktiert: „Schreiben Sie auf, junger Mann: Wer hier nicht zufrieden ist, der sollte über Bord entsorgt werden.“ Ich begebe mich also in akute Lebensgefahr, als ich anmerke, dass ein Schiff dieser Güte aber vielleicht auch Kabinen mit Balkonen haben sollte … „Ach, neumodischer Kram. Wenn ich frische Luft will, gehe ich an Deck.“

Womit festzuhalten wäre: Die Fans der Deutschland stehen zu ihrem Schiff wie einst die Langen Kerls zum Alten Fritz. Sie fühlen sich darauf zu Hause, weil sie wissen, was sie erwartet – und was sie erwarten können: einen Service, eine Gastronomie und eine Atmosphäre (ihr Erfinder, der 2003 verstorbene Reeder Peter Deilmann, wollte es so) wie in den Grandhotels vergangener Zeiten. Die noch immer fest zum Programm gehörende Eisbombenparade zum Gala-Diner beschwört das ebenso wie alle Ausstattungsdetails: Willy Birgel, Lotte Lenya & Co. lächeln aus Bilderrahmen herab, Heinz Rühmann von der Leinwand des Bordkinos. Und die Kabinenkorridore sind so breit, dass man meinen könnte, man schreite auf den Hotelfluren des Adlon zu seiner Suite.
 
Eine Zeitreise also – und ich gebe zu, dass ich ein wenig gebraucht habe, mich darauf einzulassen. Doch nicht nur diese Crew, die ihre Gäste begrüßt wie Freunde, die man lange nicht gesehen hat, sondern auch der strahlende Frühlingshimmel über dem Mittelmeer hat es mir leicht gemacht. Schon in Venedig fängt das an: Von der Reling aus, den Cocktail in der Hand, schauen wir zu, wie Markusdom, Campanile und Dogenpalast an uns vorbeidefilieren. Doch nein: Nicht die Stadt bewegt sich! Wir fahren an ihrer Schokoladenseite vorbei – und die ist zum Greifen nah.
 

Dann, nach einem allen Alltagsstress auslüftenden Seetag, Argostoli auf der ionischen Insel Kephalonia: Hier, nicht nebenan auf Ithaka, war laut neuester Forschung Odysseus zu Hause. Am Traumstrand von Mirtos soll er nach seiner Rückkehr an Land gegangen sein. Erfindung der Tourismuswerbung? Ein Mädchen im Hafencafé, in dem ich anschließend den Tag austräume, wird Penelope gerufen …

Zwischen Scylla und Charybdis hindurch (um im Bild zu bleiben) steuern wir tags darauf durch die Straße von Messina, von wo aus wir in Jeeps die Abhänge des Ätna erklimmen: immer der Rauchfahne nach, durch eine Mondlandschaft, die über Jahrtausende dem Bauch von Mutter Erde entwich.

Schließlich Salerno: die Amalfiküste, Neapel, die Insel Capri. Das alles an einem Tag? Es ginge, wenn nicht Feiertag wäre: Auch in Italien ist der 1. Mai Völkerwanderungstag. Dass wir das Capri-Eis deshalb unter Nahkampfbedingungen schlecken müssen, kompenisert aber an Bord der mitreisende (und mitreißende!) Tenor Rafayil Chertkov aufs Beste: Plötzlich steht er da, zwischen den Kerzenleuchtern im Vier Jahreszeiten, und schmettert, nein: schmilzt dahin mit „Santa Lucia“. Zumindest zum Dessert wird Neapel also doch noch zum Sterben schön …

Dann, im Gang, treffen wir noch einmal den Obersteward. Während wir plauschen, korrigiert er eine Stewardess, die in seinem Rücken mit einem Tablett vorbeigeht: „Das geht so nicht. Die Gläser sind nicht voll.“ Und freundlich zu mir: „Steigen Sie wirklich morgen schon aus? Dann kommen Sie aber baaald wieder zurück!“

© KREUZFAHRT GUIDE / Bellevue and More Verlag;

Text & Fotos: Johannes Bohmann, www.kreuzfahrtguide.com