Geschichte der Kreuzfahrt oder: Der Weg ist das Ziel

Wind und Wellen spüren, an Bord alle Annehmlichkeiten genießen, genussvoll dem Fernweh frönen: Mit diesem Versprechen begeistert die Kreuzfahrt seit nunmehr 115 Jahren die Menschen. Ein Rückblick...

Vor 160 Jahren hätte niemand im Traum daran gedacht, freiwillig eine Seereise zu unternehmen. Denn noch befuhr man das Meer nur auf Segelschiffen – und war dabei jederzeit den Unbilden von Wind und Wetter ausgesetzt. Deshalb galt nur eine Maxime: Seinen Zielhafen suchte man in kürzester Zeit und möglichst ohne jeden Umweg zu erreichen.

Doch dann kam der Dampfantrieb, und schon bald wurden Schiffsreisen zum reinen Vergnügen denkbar. Bereits 1819 waren die ersten Dampfschiffe mit Schraubenantrieb auf dem Atlantik zu sehen, und bald wetteiferten vor allem englische und deutsche Reedereien darin, immer größere und schnellere Schiffe zu bauen. Der Komfort hielt Einzug an Bord, und man nahm eine Unterteilung in Klassen vor, deren höhere den Luxus großer Hotels auch auf See boten. Ab etwa 1850 wurde somit die atlantische Passagierschifffahrt zum lohnenden Geschäft, nicht zuletzt auch durch den Transport von Millionen europäischer Auswanderer, die in der Neuen Welt ihr Glück suchten. Dazu entwickelten die Reedereien eine perfekte Logistik, von der Schiffstechnik über die Fahrpläne und die Abfertigung bis hin zur Versorgung und der Verpflegung auf den Meeren.

Ihre eigentliche Geburtsstunde erlebte die Kreuzfahrt aber erst 1890. In jenem Jahr überraschte Albert Ballin, Direktor der Hamburg-Amerika Linie, mit einer völlig neuen Idee: Da am Atlantik die Schiffe in den stürmischen Wintermonaten meist in den Häfen lagen, beschloss er, das Flaggschiff seiner Hapag statt über den Atlantik ins Mittelmeer zu schicken. Und so begann am 22. Januar 1891 die erste Luxuskreuzfahrt auf der Augusta Victoria in Cuxhaven. 227 Passagiere hatten Ballins 57-tägige „Exkursion“ in den Orient gebucht. Angelaufen wurden exotische Ziele wie Alexandria, Beirut und Konstantinopel. Kaiser Wilhelm II., der „rein zufällig“ an diesem Tag in Cuxhaven war, geruhte vor dem Auslaufen das Schiff höchstselbst zu inspizieren. Ein „Zufall“, den Ballin, der später mit dem Kaiser befreundet war, zu seinem werbeträchtigen Geschäftsgeheimnis machte: Er kannte die Routen des „Reisekaisers“ stets im Voraus.

Die orientalische Traumreise, gewissermaßen im Kielwasser der kaiserlichen Yacht Hohenzollern, wurde ein voller Erfolg. Auch in den folgenden Wintern schickte man die Linienschiffe in den Süden, und anno 1900 stellte die Hapag das erste Kreuzfahrtschiff der Welt in Dienst, das nur für diesen Zweck gebaut worden war: die Prinzessin Victoria Luise. Auf sie folgte 1904 die Meteor. Ab Sommer 1894 hatte die Hapag die ersten Reisen nach Norwegen angeboten, ab 1896 Fahrten nach Westindien.

Diese ersten Kreuzfahrten blieben ausnahmslos vermögenden Gästen vorbehalten. Den Luxus, den die großen Transatlantikschiffe boten, gab es nun auch auf Schiffen, die nur zum Vergnügen der Passagiere touristische Ziele anliefen. Man flanierte an Deck und in den nobel gestalteten Salons. Es gab Kapitänsempfänge, Galaabende und musikalische Darbietungen, der festliche Rahmen war vorgegeben. Die konventionelle Kleiderordnung war Teil des Programms und gehörte zum täglichen Ritual.

Nach der Unterbrechung durch den Ersten Weltkrieg wurden ab 1923 Vergnügungsreisen zur See noch beliebter als in jenen Anfangsjahren. Statt der Bezeichnungen „Lustreise“, „Vergnügungsreise zur See“ oder „Exkursion“ wurde im Englischen („cruise“) wie im Deutschen der Begriff „Kreuzfahrt“ üblich, ein bildhafter seemännischer Ausdruck, der das „Kreuzen“, das Hin- und Herfahren zwischen den Häfen, beschrieb. Auch die Nationalsozialisten setz--ten später für ihre „Kraft durch Freude“-Propaganda Schiffe für Nordlandreisen ein, auf denen verdiente „Volksgenossen“ ein paar schöne Tage hatten. Kein einziger ausländischer Hafen wurde dabei jedoch angelaufen – KdF-Reisen waren deshalb kei-ne Kreuzfahrten im eigentlichen Sinne.

Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb die Linienschifffahrt lange die einzige Transportmöglichkeit über den Nordatlantik. Auf der Höhe des deutschen Wirtschaftswunders wurde dann aber die Kreuzfahrt wiederentdeckt: Als erstes deutsches Schiff unternahm die weiße Ariadne ab 1958 Traumreisen zu den schönsten Häfen des Mittelmeers. Und als ab 1960 die Reise mit dem Passagierflugzeug zunehmend die Schiffspassage ablöste, boten die Reedereien auch für Normalverdiener erschwingliche Fahrten in die Sonne an.

Ab den achtziger Jahren kamen neue Zielgebiete hinzu. Expeditionsreisen führen seither in die Arktis und die Antarktis, den Amazonas und den Orinoco hinauf. Selbst die legendäre Nordwestpassage rund um Kanada von Grönland bis Alaska, die nur in wenigen eisfreien Wochen im Sommer möglich ist, wird heute von diversen Schiffen unternommen, angelandet wird mit Schlauchbooten.

Noch heute bieten viele Ozean-Liner die klassische Kreuzfahrt im stilvollen Ambiente, mit festlichen Bällen, Gala-Diners und Kapitänsempfängen. Zugleich markieren aber auch zwei spezielle Entwicklungen deutliche Stilwechsel: zum einen der Aufstieg des zwangloseren, auch auf Familien mit Kindern ausgerichteten „Clubschiffs“, dessen Karriere mit der Indienststellung der ersten AIDA im Jahr 1996 ihren Anfang nahm; und zweitens der Trend zu immer größeren Schiffen, der aus den USA nach Europa kam. Mit den Zwillingen Oasis of the Seas und Allure of the Seas, 2009 bzw. 2010 in Dienst gestellt, hält die US-Reederei Royal Caribbean derzeit den Größenrekord: Die beiden Liner bieten Platz für jeweils über 6.000 Passagiere plus 2.200 Crew-Mitglieder – eine schwimmende Kleinstadt!

Doch allen Konzepten gemeinsam bleibt: Das Schiff selbst mit seiner Atmosphäre ist das eigentliche Erlebnis.

 

© KREUZFAHRT GUIDE / Bellevue and More Verlag; Text: Gerrit Aust