Queen Mary 2 - die Königin auf Kurs

Die Sehnsucht nach der goldenen Zeit der Kreuzfahrt scheint so groß wie nie: Die Queen Mary 2 hält die Tradition der Transatlantik-Liner wach. Wir fuhren mit – von Hamburg nach New York

Mehrmals im Jahr bricht in Hamburg die Monarchie aus. Dann regiert die britische Königin die Stadt. Nein, nicht Elizabeth, sondern Mary die Zweite, die Königin der Meere. Hunderttausende bereiten ihr an der Elbe einen Staatsempfang und Abschied. Die Queen Mary 2, das ist das neue Wahrzeichen der Hansestadt, der schwimmende Michel. Wenn sie spätabends unter Goldregen und bengalischen Feuern am Himmel Hamburg verlässt, dann möchte die ganze Stadt am liebsten hinterherschwimmen. Oder noch besser: mitfahren. Hamburg ist für die Queen Mary 2 der Hafen der Herzen. Der Heimathafen ist das britische Southampton.

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Genau dort gehe ich an Bord. Und mit mir bis zu 2.600 andere Passagiere, die sich diesen Traum erfüllen: zehnTage mit der Queen Mary 2 über den Atlantischen Ozean nach New York. Auf der historischen Route, denn einst fuhren sie hier alle auf der Transatlantiktour, die großen Oceanliner. Die Schiffe der Hapag, des Norddeutschen Lloyd, der White Star Line oder der Cunard Line. Damals, als es noch keine Airbusse und keine Boeings gab. Nun ist es nur noch die Queen Mary 2, die diese Tradition wachhält.

Durch ein Spalier aus Stewards und Offizieren betreten wir das Schiff und stehen sofort in der Grand Lobby. Der Atem stockt das erste Mal: mächtige Marmorsäulen, stuckverzierte Decken, zwei riesige Freitreppen mit rotem Teppich, blank polierte Messinggeländer. Und gläserne Fahrstühle, in denen die Passagiere im gewaltigen Atrium sechs Decks hinauffahren können. Da wird so manches Grand Hotel blass.

Der Laut des Schiffhorns verrät, dass wir abgelegt haben. Außer mir sind 400 andere Deutsche an Bord. Das Ehepaar Lausen zum Beispiel. Für Karin und ihren Ehemann Ernst ist es die erste Seereise. Die beiden kommen aus Füsing an der Schlei. In dem kleinen Dorf in Schleswig-Holstein wohnen gerade mal 300 Leute, hier an Bord ist mehr als das Zehnfache an „Einwohnern“. Gebucht haben die Lausens die Reise über ihre Heimatzeitung. Für 1.490 Euro pro Person in der Innenkabine, inklusive Flug und Taxitransfer bis vor die Haustür.

Und nun sind sie auf dem Weg nach New York. So schnell werden Träume wahr. Große Trinkgelder kann die Crew von ihnen nicht erwarten. Und die Hemden und Hosen werden auch selbst gebügelt. „Einen Smoking haben wir nicht mitgenommen, der Anzug muss reichen. Nicht wahr?“ Ernst nickt. Holsteiner bleiben auch auf See bodenständig.

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Eine Wäscherei gibt es auch. Ganz unten im Bauch des Schiffs werden alle Laken und Bettbezüge der 1.310 Kabinen gewaschen und gebügelt. Dazu die Tischdecken und Servietten aus den Restaurants. So fallen jede Woche weit über 10.000 Wäschestücke an, die Privatwäsche der Passagiere nicht mitgezählt. Die Wäscherei, das ist Chinatown. Wie auf jedem Schiff arbeiten hier nur Asiaten. Chef der Crew ist Mister Chew. Das Tageslicht sieht er genauso selten wie seine Heimat: „Ich arbeite jetzt schon seit 37 Jahren unter Deck auf Kreuzfahrtschiffen. Das ist mein Beruf, mein Leben“, erzählt der Mann aus Singapur.

Inzwischen schnuppere ich die ersten Atlantikbrisen und erkunde die Außendecks. Den Jogging-Parcours auf Deck 7 zum Beispiel. Einmal um das Schiff herum, das sind 620 Meter, länger als eine Sportplatzrunde. Riesig ist auch das Royal Court Theatre mit über 1.000 Plätzen. Dort hat Betreuer Enrico alle deutschen Gäste versammelt. Auf seinem Schild steht „Host“, was so viel heißt wie „Gastgeber“. Dass ihn manche Gäste „Horst“ nennen, daran hat er sich gewöhnt. Von „Horst“ erfahren wir, dass heute Abend unter anderem das neue Musical „Rock at the Opera“ aufgeführt wird, dass wir im Ballsaal Queen’s Room lateinamerikanische Tänze lernen können und dass in der Grand Lobby ein Streichquartett spielt. Die Alternative zu all dem heißt: essen.

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Im Britannia-Restaurant treffe ich die Lausens wieder. Gemeinsam nehmen wir unser Vier-Gänge-Menu ein. Wir, das sind die Passagiere aus den einfachen Innen- und Außen- und Balkonkabinen. Immerhin 1.100 Gäste, die auf zwei Ebenen im Art-déco-Ambiente der zwanziger Jahre speisen. Auf der Karte steht als Hauptgang geröstete Ente à l’orange mit Haselnusskroketten und Grand-Marnier-Sauce. Die Bewohner der Suiten speisen im Princess' oder Queen’s Grill – was ein wenig nach Imbiss klingt, aber  nicht danach schmeckt. Man tafelt dort bei Kaviar und Austern, zahlt aber auch für eine Woche in der Grand Duplex Suite ca. 20.000 Dollar. Nächstes Mal.

Während wir die karamellisierten Birnen naschen, entspannt sich die Lage hinter den Kulissen. Küchenchef Jean-Marie Zimmermann beobachtet, wie die Kellner mit den letzten Desserts die Rolltreppen hinauf zu den Gästen fahren. Das Menu ist vollbracht: vier Gänge für über 2.000 hungrige Passagiere. „Jeden Abend werden hier 10.000 Essen von uns zubereitet und serviert“, erzählt der Elsässer stolz. In der Tat eine logistische Meisterleistung.

Unsere Route von Southampton nach New York verläuft nördlicher als der Titanic-Kurs. Wer will, der kann die Geschichte jenes Untergangs auch hier an Bord nachlesen. In der größten schwimmenden Bibliothek befindet sich unter den 8.000 Büchern reichlich Titanic-Literatur. Beruhigend: Die Queen Mary 2 ist dreimal so groß, und Eisberge gibt es hier auch keine. Nur die endlose Weite des Atlantischen Ozeans, der sich die ganze Woche über gnädig zeigt. Windstärke vier ist das höchste der Gefühle. Die Queen Mary 2 verzieht keine Miene. Dafür die amerikanischen Gäste. Sie treffen sich bei der täglichen Kunstauktion. Im Wintergarten auf Deck 7 kommen Ölgemälde, Aquarelle und Zeichnungen unter den Hammer. „Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten!“ Ein gerahmter Rembrandt-Druck wechselt für 700 Dollar den Besitzer.

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Der letzte Abend an Bord ist für das Ehepaar Lausen ein ganz besonderer. Karin und Ernst wollen noch einmal heiraten. Zur Trauzeremonie versammeln sich 50 weitere Paare. Und dann erscheint der Bordprediger und ruft sie alle nacheinander auf. „Karin and Ernst Lausen!“ Unter Tränen hauchen beide ein „Yes“. Dazu wird eine Urkunde gereicht, die besiegelt, dass die Lausens und alle anderen ihr Eheversprechen erneuert haben. Nicht irgendwo, sondern auf der Queen Mary 2. Und die steuert dem Höhepunkt der Reise entgegen: der Ankunft in New York. Es ist kurz nach vier Uhr morgens. Immer mehr Passagiere strömen auf das Oberdeck, reiben sich die Krümel Schlaf aus den Augen. Keiner will diesen Augenblick verpassen. Dann beginnt die spektakuläre Einfahrt. Vor uns überspannt die Verrazano-Narrows Bridge den Hudson River. Nur wenige Meter trennen den Schornstein der Queen Mary 2 von der Brücke. Ganz knapp schiebt sich die Königin der Meere hindurch, fährt unaufhaltsam dem Ziel entgegen, lässt backbord die Freiheitsstatue liegen.

Und dann funkeln sie vor uns: die Lichter von Manhattan. Der Moment, auf den alle zehn Tage lang gewartet haben. Wir sind am Ziel: New York – die Stadt, die niemals schläft und doch gerade erst erwacht. Ein letztes Frühstück, dann nehmen wir Abschied von der Queen Mary 2. Der Trost: Es gibt ein Wiedersehen. In zwei Monaten und 13 Tagen. Die Königin kommt mehrmals im Jahr wieder nach Hamburg. Wohin sonst?

© KREUZFAHRT GUIDE / Bellevue and More Verlag;
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Text: Uwe Bahn