Premium Partner

Die Reise hat begonnen

Allen Unkenrufen zum Trotz: Dass Umweltschutz und Kreuzfahrt sich vertragen können, zeigen die aktuellen Entwicklungen in der Branche. Ein Lagebericht.

bsdjkadjskaldhjksad

Vision für die Zukunft:

Das Ecoship der Nichtregierungsorganisation Peace Boat setzt auf höchste Umweltverträglichkeit

Illustration: Peace Boat

Was für ein Schiff! Der Rumpf, inspiriert von der Form des Wales. Zehn bewegliche Masten ragen in den Himmel, Windkraft und Solarpaneele sind an Bord. Energie, die bei der Verbrennung der Abfälle entsteht, wird zur Klimatisierung genutzt, Wärme wie auch das Brauchwasser werden zurückgewonnen. Und im Herzen wächst eine grüne Lunge über stolze fünf Decks.

Noch ist dieses Ecoship eine ebenso umwelt- wie menschenfreundliche Vision. Denn das Schiff,
das in Finnland gebaut werden soll, hat keinen kommerziellen Nutzen: Es wird im Auftrag des Friedens und der Völkerverständigung um die Welt reisen. Und nicht etwa eine Reederei, sondern die japanische Nichtregierungsorganisation Peace Boat steht dahinter. Serienreife ist vom Ecoship vorerst nicht zu erwarten. Doch wie es mit ihm vorangeht, das dürfte auch die Kreuzfahrtbranche verfolgen.

Tatenlosigkeit in Sachen Umwelt lässt sich ihr heute beileibe nicht vorwerfen: eine aufgeklärte Öffentlichkeit, hartnäckige Umweltorganisationen, strengere Umweltregularien durch Organisationen wie die IMO*, aber auch ein höchst nachvollziehbares Eigeninteresse sorgen dafür, dass das Thema oben auf der Agenda steht. „Schließlich führt nur eine intakte Umwelt zu einem unvergesslichen Kreuzfahrterlebnis“, resümiert Helge Grammerstorf, Deutschlandchef des internationalen Kreuzfahrtverbandes CLIA (Cruise Lines International Association). „Langfristiges Ziel der CLIA-Mitgliedsreedereien ist es, die Energieeffizienz durch den Einsatz von umweltschonenden Technologien und schiffbaulichen Maßnahmen zu steigern und die Nutzung alternativer Treibstoffe zu fördern.“

Ein Treibstoff gibt Gas: LNG

Energiegewinnung, Energieverbrauch und Emissionsminderung – dieses Dreigestirn soll der Kreuzfahrt den Weg in eine umweltfreundlichere Zukunft weisen. Einer der Hoffnungsträger dabei ist LNG, Flüssiggas: Bei seiner Nutzung als Treibstoff entstehen weder Schwefeloxide noch Rußpartikel, der Ausstoß von Stickoxiden und CO2 wird erheblich reduziert. Grammerstorf: „Die CLIA-Mitgliedsreedereien werden in den kommenden Jahren weit mehr als zehn Milliarden US-Dollar in den Bau von Kreuzfahrtschiffen investieren, die mit LNG betrieben werden können.“

 

Dank seiner geringen Emissionen bei der Nutzung gilt LNG als der sauberste fossile Brennstoff. LNG ist Erdgas, das auf minus 162 Grad heruntergekühlt wird – damit wird es flüssig und verringert sein Volumen um das 600fache.

AIDAprima ist dank eines „Dual Fuel”-Motors das weltweit erste Schiff, das neben Schweröl und Marinediesel zumindest im Hafen auf Basis von LNG betrieben werden kann; jüngst wurde die baugleiche AIDAperla in Dienst gestellt. Die Schiffe der nächsten AIDA Generation, die 2018 und 2021 fertiggestellt werden, werden die ersten weltweit sein, die dann zu 100 Prozent mit LNG betrieben werden können. „Wir glauben an die LNG-Wende“, heißt es sehr deutlich bei AIDA. „Aus unserer Sicht ist der LNG-Betrieb die derzeit emissionsärmste technisch praktikable Lösung für den Einsatz in der Schifffahrt.“ Die Reederei ist dabei nicht mehr allein: Das erste reine LNG- Schiff der Schwesterreederei Costa soll 2019 in Dienst gestellt werden. Und auch MSC hat jüngst zwei Schiffsneubauten auf LNG-Basis, die neue „World Class“, beauftragt.

AIDAprima wird im Hamburger Hafen mit LNG – umweltfreundlichem Flüssiggas – beliefert.

Foto: AIDA cruises

Der Dual-Fuel-Motor von AIDAprima ermöglicht, dass das Schiff im Hafen mit LNG betrieben werden kann.

Foto: AIDA Cruises

Chief Engineer Eckbert Schuster und „seine“ LNG-Technologie an Bord.

Foto: AIDA Cruises

 Auf Kreuzfahrtschiffen arbeiten rund um die Uhr komplexe Umweltsysteme. Die Anfänge waren dabei eher bescheiden

Eine Welt für sich

Ein Kreuzfahrtschiff ist mehr als ein schwimmendes Hotel, es ist quasi eine Stadt – mit entsprechender Infrastruktur an Bord.

Eine Meerwasserentsalzungsanlage, die für Frischwasser in gleichbleibender Qualität sorgt, eine Kläranlage, Mülltrennung, -komprimierung und -verbrennung: Auf Kreuzfahrtschiffen arbeiten rund um die Uhr komplexe Umweltsysteme. Die Anfänge waren dabei eher bescheiden: „Bei uns begann es 1975 mit der Entwicklung der wassersparenden Toilette. Die ersten Lösungen zur Abwasserbehandlung kamen dann 1999“, erinnert sich Jari Jokela, Senior Process Specialist bei der Evac. Das finnische Unternehmen stattet Schiffe quasi mit der Infrastruktur von Stadtwerken aus. Jokela hat die Einführung hochentwickelter Technologien begleitet, darunter die Integration von energiesparenden Bio lm-Reaktoren (MBBR; Moving-Bed-Bio lm Reactor) und moderne Verfahren für Wasseraufbereitung und Abfallbehandlung. Die wassersparenden Toiletten – heute erspart deren Nutzung jährlich 13.140.000.000 (in Worten: dreizehn Milliarden einhundertvierzig Millionen) Liter Wasser pro Jahr – sind nur noch ein Mosaiksteinchen in einem ausgeklügelten High-Tech-System: einem energieeffizienten Kreislauf, der auf Kreuzfahrtschiffen für mehr Umweltschutz sorgt. Die „Stadtwerke“ an Bord fahren immer mit.

Illustration: Evac Group

Innovationen gegen Emissionen

Noch immer fahren rund 300 Kreuzfahrtschiffe auf den Meeren der Welt mit weitaus weniger umweltfreundlichen Treibstoffen auf fossiler Basis. Die Branche steuert gegen: „Bestehende Schiffe werden schrittweise mit modernen Abgasnachbehandlungssystemen nachgerüstet“, berichtet Helge Grammerstorf. Auch bei TUI Cruises setzt man auf solche Systeme. Bis 2020 wollen die Hamburger eine der umweltfreundlichsten Kreuzfahrtflotten der Branche betreiben. Ein Mosaikstein der Strategie ist ein kombiniertes Abgasnachbehandlungssystem, das auf allen Neubauten der Reederei, angefangen bei Mein Schiff 3 bis hin zur Mein Schiff 6, im Einsatz ist: Es reduziert Schwefelemissionen um bis zu 99 %, Stickoxidemissionen um bis 75 % und den Partikelausstoß um bis zu 60 % – und leistet dies nicht nur in Sonderemissionsgebieten wie Nord- oder Ostsee, sondern auf allen Routen weltweit. „Das Besondere an diesem System: Es kann im offenen und im geschlossenen Modus betrieben werden. Im geschlossenen Modus werden die bei der Abgasreinigung entstehenden Abwässer an Bord gesammelt und ausschließlich an Land entsorgt. Somit hat dies keinerlei Auswirkungen auf die Meeresumwelt. In der Ostsee fahren wir freiwillig durchgängig im geschlossenen Modus“, erläutert Umweltmanagerin Lucienne Damm von TUI Cruises.

Die Carnival Gruppe, zu der unter anderem AIDA Cruises und Costa gehören, hat mit dem EGCS (Exhaust Gas Cleaning System) ein eigenes System zur Abgasnachbehandlung entwickelt und bereits rund 60 Prozent der Schiffe seiner Flotte damit ausgestattet. „Die Maßnahmen sind Teil eines Investitionsprogramms der Carnival Gruppe in die Abgas ltertechnologie mit einem Volumen von 400 Millionen US-Dollar“, berichtet Hardy Puls, Country Manager für Costa Kreuzfahrten in Deutschland. „Das System ist derzeit auf sieben Costa Schiffen installiert.“

Das EGCS ist eine Innovation mit Wirkung. Die Reduzierung der Emissionen beträgt bis zu 90 %. „Bei der mehrstufigen Abgasnachbehandlungsanlage an Bord von AIDAprima und AIDAperla handelt es sich um ein neues System, das es so bisher auf keinem anderen Kreuzfahrtschiff weltweit gibt“, berichtet Monika Griefahn, Direktorin für Umwelt und Gesellschaft bei AIDA Cruises. „Auf vier weiteren Schiffen unserer Flotte haben wir Systeme dieser Anlage nachgerüstet. Damit haben heute 6 von 12 Schiffen der AIDA Flotte individuell an die baulichen Gegebenheiten des jeweiligen Schiffes angepasste Installationen zur Abgasnachbehandlung an Bord. Die technischen Zulassungen der Abgasnachbehandlungssysteme sind erfolgt. Wo wir die Genehmigung zum Betrieb der Systeme in unseren weltweiten Fahrtgebieten bzw. Häfen haben, werden diese auch genutzt.“

Beteiligte unter Strom

Zulassungen und Genehmigungen – das sind quasi Reizworte in der Umweltdebatte. Denn wer auf umweltfreundlichere Lösungen setzt, braucht nicht nur guten Willen, Ideen und Geld, sondern auch einen langen Atem. Bei AIDA weiß man das: „Es gibt eine Vielzahl von Standards, gesetzlichen Rahmenbedingungen und Genehmigungsverfahren. Auf Seiten der Behörden mussten die erst noch zusammengeführt werden, was den Genehmigungsprozess erheblich verzögerte“, so Monika Griefahn. Seit Jahren ist man daher in Sachen Abgasnachbehandlung mit der EU und der Regierung „auf Arbeitsebene“ tätig. Auch beim Flüssiggas gibt
es Haken. Helge Grammerstorf: „Weltweit sind derzeit 13 Kreuzfahrtschiffe bestellt, die komplett mit LNG betrieben werden könnten – wenn die benötigte Infrastruktur für eine Versorgung mit LNG gewährleistet sein wird.“ Und das heißt: auch während der Liegezeiten im Hafen. Hamburg hat die LNG-Barge Hummel, die Schiffe in der HafenCity mobil mit umweltfreundlichem Strom versorgen kann – ein innovatives Projekt. Aber weil sie nicht als Schiff, sondern als schwimmendes Kraftwerk gilt, ziehen sich die Abnahmeprozesse in die Länge. Am Terminal Steinwerder wird AIDAprima immerhin über Tanklastwagen mit LNG versorgt. Seit Mai 2016 waren es über 70 Anläufe – ein spürbarer Beitrag für die Luftreinheit, denn rund 40 Prozent seiner Betriebszeit verbringt ein AIDA Schiff im Hafen.

Das Beispiel Landstrom zeigt, dass die Umsetzung guter Ideen nicht von heute auf morgen geschieht. Hamburg ist einer der ersten europäischen Häfen, der die höchst energieintensiven Kreuzfahrtschiffe mit Landstrom – und sogar Ökostrom – versorgen kann. Zu verdanken ist das einer Anlage am Cruise Center Altona. Zwei Jahre hat ihr Bau gedauert, 10 Millionen Euro, getragen vom Bund, der EU und Hamburg, hat sie gekostet. Genutzt wird sie dennoch nur selten. Das liegt nicht nur an den vergleichsweise höheren Kosten für den Strom von Land. Vielmehr gibt es in Europa kaum weitere Häfen, die diese um weltfreundliche Option für Cruise Liner anbieten. Und weil diese Infrastruktur fehlt, lohnt sich die Investition in das entsprechende Equipment an Bord der Schiffe nicht. Silberstreif am Horizont: Die AIDAsol ist Stammkundin. Die Neubauten der Rostocker, AIDAprima und AIDAperla, sind gleich mit zwei Landstromanschlüssen ausgestattet, weitere Schiffe können nachgerüstet werden. Helge Grammerstorf erläutert: „Viele Kreuzfahrtschiffe erfüllen die Voraussetzungen für die Nutzung von Landstrom – soweit dieser in den angelaufenen Häfen verfügbar wäre.“

Umweltschonende Kreuzfahrt: Das bedeutet Initiativen, Regularien und Aktivitäten, die genau dies umsetzen wollen – und andererseits Regeln und Gesetze, die einer schnellen Realisierung im Weg stehen. Helge Grammerstorf weiß, dass es eines langen Atems bedarf und unermüdlichen Austauschs zwischen Reedern, Behörden, Zulieferern und Häfen. „Nur gemeinsam und mit gutem Willen können die hochgesteckten Ziele erreicht werden.“

Das Um- und Weiterdenken hat begonnen. Die Entwicklung und der Einbau neuer Technologien verursacht hohe Kosten, doch die zahlen sich aus: Sie schonen die Umwelt, sorgen für höhere Effizienz an Bord – und schaffen Wettbewerbsvorteile. Und wer möchte das eigentlich nicht: auf dem umweltfreundlichsten aller Schiffe Urlaub machen? Kreuzfahrt und Umwelt, es tut sich was: Die Reise hat begonnen. <gs>

The next big thing?

Umweltfreundliche Energiegewinnung durch Brennstoffzellen – ist sie das nächste „große Ding“ in der Kreuzschifffahrt? Mit dem Projekt e4ships haben sich Unternehmen und Institu- tionen zusammengetan, um das zu un- tersuchen und zu testen. Mit im Boot: unter anderem AIDA, das Verkehrsministerium, der Schiffsklassifizierer DNV GL, die Meyer Werft und thyssenkrupp marine systems. Die Ergebnisse stimmen optimistisch: „Gegenüber konventionellen mit Marinediesel oder Schweröl betriebenen Systemen konnten signifikant reduzierte Geräusch- und Abgasemissionen nachgewiesen werden“, heißt es. Ebenso wichtig: Die Erkenntnisse des Projektes sind in die internationale Vorschriftenentwicklung eingeflossen. So könnten idealerweise, wenn die Brennstoffzelle einst standardmäßig eingesetzt werden sollte, 
die entsprechenden Vorschriften und Gesetze bereits in der Schublade liegen.

Eine Brennstoffzelle produziert emissionsfreie Energie durch eine elektrochemische Reaktion von Wasserstoff und Sauerstoff. Die US-amerikanische Reederei Royal Carribean will bei ihren Schiffsneubauten der Icon-Klasse ab 2022 die Technologie – zusätzlich zum LNG-Betrieb – zum Einsatz bringen.