Ein Film, wie ihn das Leben schreibt: „Kapitäne“

Kapitän sein, das ist für viele Menschen ein Traum. Wie das wahre Leben aussieht, zeigt „Kapitäne“: ein Dokumentarfilm, der dank starker Persönlichkeiten berührt – und mit unverbrauchten Bildern beeindruckt.

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Zwei alte Männer beim Schach. Korrekte marineblaue Anzüge und Krawatten, feine Ledersessel, an den Wänden Gemälde stolzer Segelschiffe auf hoher See. Weiß ist am Zug. Und Iko Eiben beginnt zu erzählen: Schon sein Vater fuhr zur See, sein Name Iko sei Suaheli und bedeute „es ist da“: Jeden Menschen gebe es eben nur einmal, daher müsse er besonderen Namen haben – so hat es Eiben, Kapitän a.D., immer interpretiert. Über 47 Jahre ist er auf Öltankern und Frachtschiffen zur See gefahren.

Iko Eiben ist einer der fünf Männer, die die Hamburger Filmemacher Frank und Lennart Stolp in ihrem Film „Kapitäne“ vorstellen. Mehr als drei Jahre lang haben sie die Kapitäne begleitet und beobachtet: an Bord und an Land, bei der Arbeit und privat.

Bedächtig und mit unverbrauchtem Blick jenseits aller maritimer Klischees offenbaren die Macher fünf sehr verschiedene Menschen, die dennoch so viel verbindet: Iko Eiben, der mit 16 zum ersten Mal an Bord ging und heute, im Ruhestand, nicht von der See lassen kann. Den Schiffsführer Günther Rieck, der als gelernter Schlosser mit anfasst, wenn seine „Sabine“ unsinkbar gemacht werden muss. Der eigentlich nie die Barkasse und das Geschäft seines Vaters übernehmen wollte, und sich heute kein anderes Leben mehr vorstellen kann: zwischen Hamburger Hafen und dem Feierabend bei seiner kleinen Familie.

Günther Rieck

 

Ulf Wolter

„Warum muss ich an Land Sklave sein, wenn ich an Bord König sein kann?“: Rainer Stange ist Kapitän auf dem Containerschiff Canopus: ein Mann, für den Teamgeist und Vertrauen an Bord alles bedeuten – ein Entscheider und Unternehmer, der „sein“ Schiff kostengünstig fahren will. Nach mehr als 52 Jahren geht er schließlich von Bord, um ein neues Leben zu beginnen: Es wird einer der Träume, die sich für ihn nicht erfüllen werden.

Patrick Ehnert wiederum hat noch viele Jahre vor sich. Er wollte schon seit seiner Kindheit Kapitän werden, schaffte es jung, mit 27, eine Herausforderung für ihn und vielleicht auch andere. Souverän steuert er den Halunder Jet zwischen Hamburg und Helgoland. Sein Schiff, sein Kosmos: „Wir sind ein eigener Lebensraum.“

Und da ist Ulf Wolter, der Besonnene, Kapitän des Luxuskreuzfahrers Europa 2. Geboren auf der Elbinsel Krautsand, unterwegs in der ganzen Welt, zuhause in seiner Wohnung im Kapitänsviertel von Övelgönne. Dass man sich an ein neues Schiff gewöhnen müsse wie an eine neue Beziehung, sagt er. Wie er selbst sich treu bleibt, zeigt der Film: Fährt er an Krautsand vorbei, lässt er das Schiffshorn drei Mal erklingen.

„Kapitäne“ führt an Orte, die man nicht ohne weiteres zu Gesicht bekommt, und zeigt Bilder aus Perspektiven, die sonst dem Kapitän vorbehalten sind. Er führt von Krautsand über Malaga, Rotterdam und Valencia bis ins Eismeer. Wir stehen mit dem Kapitän auf der Brücke seines Containerschiffs auf hoher See, fahren mit ihm in den Hamburger Hafen ein und in der Hamburg Cruise Days Parade. Wir begleiten den Halunder Jet ins Schwimmdock, erleben ein Plausch unter Barkassenführern, erhalten einen Blick auf die Brücke der Europa 2. Und immer wieder ist da Hamburg, aus ungewohnten Blickwinkeln. Es ist keine Kulisse, sondern der Ort, in dem alle Kapitäne Anker werfen, beruflich oder privat.

Rainer Stange

Patrick Ehnert

Der Film zeigt Schicksale: Werdegänge wie aus dem Bilderbuch oder mit Brüchen, Enttäuschungen und Trauer, große und kleine Freuden. Er beobachtet, wie es ist, wenn die Ehefrau stirbt und gemeinsam geplante zu einsamen Reisen werden. Wie es sich anfühlt, wenn der kleine Sohn hunderte Kilometer entfernt lebt – und dann eine Woche zu Besuch kommt.

„Ich möchte die Zuschauer mit diesem Film emotional packen, will ihnen etwas zeigen, das sie zum Nachdenken bringt“, sagt Regisseur Frank Stolp. Genau das gelingt – nicht zuletzt dadurch, dass unkommentiert allein die fünf Kapitäne das Wort haben. Die Filmemacher beobachten, begleiten, bewahren Respekt und schaffen zugleich Nähe.

Wenn der Film endet, wird das zu einem wehmütigen Abschied. Nicht nur, weil zwei der Portraitierten während oder kurz nach den Dreharbeiten verstorben sind. Sondern auch, weil man am Leben von fünf großartigen Persönlichkeiten teilhaben durfte – Menschen, die das leben, was für viele ein Traum ist: Kapitän sein.

Alle Bilder © SAM GmbH